dreihundertfünfundsechzig tage
vor einem jahr um diese zeit war die welt für mich noch in ordnung. meine gedanken kreisten beständig um herrn S., in den ich mit jeder zelle meines körpers unrettbar verliebt war. er war etwas besonderes. anders als die anderen. wie für mich gemacht. verrückt genug, um es mit mir aushalten zu können. er war das letzte teil, das im puzzle meines lebens noch gefehlt hatte. wie immer, wenn er nachtdienst hatte, versüßte er mir den start in den tag mit einer email. er fragte, ob wir uns am abend sehen können. die zeit bis dahin verlief ganz normal, mit post hin und her. es gab keinerlei anzeichen für die sich nähernde katastrophe. um zweiundzwanzig uhr zweiunddreißig erreichte mich seine SMS, dass er jetzt kommen würde. ein paar minuten später stand er vor mir. ich werde diesen abend für den rest meines lebens nicht vergessen können. er müsse mit mir reden. er könne nicht so weitermachen. es ginge nicht mehr. und während er mir das sagte, hielt er mich so fest wie noch nie zuvor. er küsste mich und ließ mich nicht mehr los. eine halbe stunde saßen wir so da. die welt um mich herum zerfiel stück für stück. es gab keinen boden mehr unter meinen füßen, keine wärme, keine luft zum atmen, keine tränen zum weinen. nur unendliche leere und umherfliegende trümmerteile, die mich verletzten.
das ist heute genau ein jahr her. eine antwort auf das WARUM habe ich nie erhalten. ich werde wohl auch nie erfahren, was passiert ist, bevor er an diesem abend zu mir kam. es ist am ende auch vollkommen egal, denn es ändert nichts an der tatsache, dass er mit mir gespielt hat, auch wenn er das gegenteil behauptet. dabei hat er sich in mich verliebt. dummerweise stand das nicht im drehbuch. und als ihm das klar wurde, übernahm der egoist ihn ihm die regie. meine gefühle spielten dabei keine rolle. es ging ihm nur noch um die eigene schadensbegrenzung und darum, dass seine freundin und ihre gefolgschaft und überhaupt der ganze rest der welt nichts von unserer geschichte erfährt und er so weiterleben kann, als wäre nichts gewesen.
lange zeit habe ich mit den folgen der trennung gekämpft. ohne die hilfe von vielen freunden hätte ich es wohl nicht geschafft, aus dem tiefen dunkel ins licht zurück zu finden. herr S. hat keinen einzigen meiner zusammenbrüche erlebt und nie eine träne gesehen. es geht mir inzwischen wieder gut. wenn der herr S. versucht, sich in meine gedanken zu drängen, dann gelingt es mir zunehmend besser, ihm den einlass zu verwehren. lange zeit habe ich auch darum gekämpft, dass der kontakt zwischen uns nicht abbricht. er zieht sich aber seit einiger zeit immer mehr zurück, und deshalb ist jetzt ein punkt erreicht, an dem ich nicht mehr will. eines ist mir inzwischen klar: er hatte mehr als ein mal die chance, mich zu bekommen. und ich hatte mehr als ein mal das gefühl, dass er mich auch haben möchte. immer war ich es, die einen schritt auf ihn zuging. doch das wechselbad zwischen sehnsüchtigen blicken an einem tag und ignoranz am nächsten, das ertrage ich nicht länger. ich bin kein spielzeug, das man nach bedarf aus der kiste holt und bei überdruss wieder hinein wirft. ich bin ein lebendiges, fühlendes wesen, das liebe, wärme, geborgenheit und verständnis geben möchte und in guten und beschissenen zeiten für den anderen da ist, eine frau der premiumklasse. wenn herr S. sich mit weniger zufrieden gibt, dann ist das nicht länger mein problem.
so Ihr lieben, heute abend werde ich mich mit den mädels ins nachtleben stürzen. zu hause besteht nur die gefahr, dass mir eine kleine depression auflauert und sich hungrig auf mich stürzt. ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die nacht bei vollem bewusstsein erleben will oder ob ich mich hemmungslos und bis zum filmriss betrinken werde. das wird spontan entschieden. ich berichte dann morgen.