der letzte einer ganzen generation

ich sehe ihn vor mir mit seinem imkerhut auf dem kopf und der qualmenden und nach vanille riechenden pfeife im mund. ich war maximal ein dreikäsehoch und wollte die biene streicheln. als dankeschön, weil sie den honig für mich gemacht hatte. gestochen hat sie mich trotzdem, aber er nahm mich auf seinen schoß und hat den schmerzenden finger gekühlt, und alles war wieder gut.
ich sehe, wie er mich auf den kirschbaum gehoben und danach wieder von dort runtergeholt hat, weil mein bauch so voll war, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte.
ich sehe, wie er die ruten der himbeer- und brombeerbüsche in der kleinen schlucht zur seite gedrückt hat, damit mich ihre dornen nicht verletzen. ich werde nie vergessen, dass er beim pflücken wirklich jedesmal die beeren gezählt hat, die in der alten milchkanne gelandet sind. und ich glaube, dass er sich kein einziges mal verzählt hat.
ich sehe, wie er noch vor sonnenaufgang mit mir durch die wiese gestapft ist, auf der der morgentau lag, und ich kann bei der erinnerung fast fühlen, wie sich danach ein heißes kribbeln in den füßen ausbreitete.
ich sehe die vielen bücher, die er gelesen hat bevor seine augen blind wurden.
ich sehe die werkstatt, in der er täglich stand und habe sehnsucht nach dem geruch von feuer und dem von schwerer hand geschmiedeten stahl.
und ich kann seine kratzige stimme hören, die in aller herrgottsfrüh rief: “aufstehen, frühstücken und dann geht’s in den wald. es riecht nach pilzen.”

am samstag ist mein großvater im stolzen alter von achtundachzig jahren verstorben. er hat mich viele jahre meines lebens begleitet, hat mich gelehrt, die kleinen dinge des lebens zu schätzen, hat mich behütet und geliebt, für mich auf sich selbst verzichtet.
er war der letzte dieser generation. es ist kein einziger mehr von ihnen übrig und ich wünsche mir, dass der tod jetzt endlich weiterzieht und mir die menschen lässt, die ich liebe und noch ein bisschen an meiner seite behalten möchte.

gute reise, großpapa.

Geschrieben von emily am 7. September 2009 | Abgelegt unter gefühlt |

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